Im Mittelpunkt standen die wirtschaftliche Lage der Recycler, die Qualität von Kunststoffabfällen sowie die Frage, wie sich die europäischen Recyclingziele unter den aktuellen Marktbedingungen erreichen lassen.
Recycler kämpfen mit Kosten und Importdruck
Anna Roeb vom bvse verwies auf die schwierige Situation vieler Recyclingunternehmen in Europa. Hohe Betriebskosten, schwache Nachfrage und zunehmende Konkurrenz durch Importmaterialien belasteten den Markt. Gleichzeitig verschärften neue Vorgaben wie die europäische Verpackungsverordnung PPWR, die Altfahrzeugrichtlinie ELV sowie die WEEE-Regelungen den Druck auf die Branche.
Nach Einschätzung der bvse-Expertin steht die Branche vor einem strukturellen Widerspruch: Einerseits steigen die politischen Anforderungen an den Einsatz von Rezyklaten, andererseits geraten bestehende Recyclingkapazitäten wirtschaftlich unter Druck. Deshalb gehe es derzeit nicht nur um den Ausbau von Anlagen, sondern zunächst um den Erhalt bestehender Kapazitäten.
Qualität der Abfälle entscheidet über Rezyklate
Honorarprofessor Thomas Probst von der RWTH Aachen sieht vor allem Defizite bei der Qualität der Inputströme. Die Marktmechanismen funktionierten nur eingeschränkt, zudem bilde die Preisentwicklung die tatsächlichen Anforderungen an hochwertige Rezyklate unzureichend ab.
Nach Angaben von Probst entwickeln sich derzeit vor allem rPET-Flakes und rPET-Granulate vergleichsweise stabil. Dagegen schwächelt das Recycling von Polyolefinen, Polystyrol, Polyvinylchlorid und technischen Kunststoffen.
Für die Qualität der Rezyklate sei entscheidend, welche Materialien in die Sortier- und Aufbereitungsanlagen gelangen. Schlechte Inputqualitäten führten zwangsläufig zu minderwertigen Rezyklaten. Deshalb müsse die Sortierung verbessert und Recycling stärker an industrielle Anwendungen angepasst werden.
Industrie fordert einheitlichen Rechtsrahmen
Martin Engelmann, Hauptgeschäftsführer der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen, kritisierte die unterschiedlichen regulatorischen Vorgaben in Europa. Die Anforderungen an den Rezyklateinsatz in Verpackungen, Fahrzeugen und künftig auch im Bausektor seien nicht ausreichend harmonisiert.
Zudem verwies Engelmann auf erhebliche Rechtsunsicherheiten. Dazu zählen insbesondere Vorgaben für Lebensmittelkontaktmaterialien und die konkrete Umsetzung europäischer Rezyklatquoten.
Als zentrales Steuerungsinstrument nannte er die Ökomodulation der Lizenzgebühren. Verpackungen mit hoher Recyclingfähigkeit und Rezyklatanteilen müssten wirtschaftlich bevorzugt werden. Dadurch ließen sich Nachfrage und Investitionen gezielter steuern.
Versorgungslücke bei Rezyklaten wächst
Ingo Sartorius von der BKV stellte Berechnungen zur europäischen Rezyklatversorgung bis 2030 vor. Demnach wurden im Jahr 2022 in der Europäischen Union sowie drei weiteren europäischen Staaten rund 32,3 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle aus Endverbraucherquellen gesammelt. Daraus entstanden 7,7 Millionen Tonnen Rezyklate aus mechanischem Recycling.
Für das Jahr 2030 erwartet Sartorius eine Nachfrage von rund 13,1 Millionen Tonnen Post-Consumer-Rezyklaten. Das Angebot dürfte je nach Szenario zwischen 9,6 und 12,3 Millionen Tonnen liegen.
Damit ergibt sich eine mögliche Versorgungslücke von bis zu 3,5 Millionen Tonnen. Selbst bei einem beschleunigten Ausbau der Infrastruktur werde die Nachfrage voraussichtlich nicht vollständig gedeckt werden können. Zusätzlich könnten hohe Qualitätsanforderungen die verfügbare Menge weiter reduzieren.
Branche sieht politischen Handlungsbedarf
Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte bestand unter den Diskussionsteilnehmern Einigkeit über die zentralen Herausforderungen des Kunststoffrecyclings in Europa. Entscheidend seien bessere Sortierqualitäten, verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen sowie wirtschaftliche Anreize für den Einsatz von Rezyklaten.
Die Diskussion auf der IFAT zeigte zudem, dass der europäische Recyclingmarkt vor einer Übergangsphase steht. Die regulatorische Nachfrage nach Rezyklaten steigt, gleichzeitig geraten bestehende Kapazitäten wirtschaftlich unter Druck. Ohne politische und wirtschaftliche Reformen dürfte der Ausbau einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft deutlich erschwert werden.







