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Digitales Auge revolutioniert das Bauschuttrecycling

Mit einem KI-gestützten Bilderkennungsverfahren mischt Optocycle seit zwei Jahren den Markt für mineralisches Bauschuttrecycling auf. Rund 30 Kunden bundesweit hat der 2022 in Tübingen gegründete Dienstleister bereits von seinem Kamerasystem überzeugt.
Digitales Auge revolutioniert das Bauschuttrecycling
Copyright: Optocycle
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Und da es sowohl eine Warteliste an Interessenten und unterzeichnete Verträge gibt sowie der Fokus nun auf Skalierung liegt, erwartet Gründer Max Gerken 2026 eine Verdreifachung seines Geschäfts.

Ursprünglich hatte der BWLer 2020 an einer Lösung für den Lebensmitteleinzelhandel gearbeitet, die Obst und Gemüse hätte scannen sollen, um den Kassiererinnen das Eintippen der Produktnummern und Codes zu ersparen. Als aber der damals 25-Jährige einem Bekannten aus der Recyclingbranche von seiner Technologie erzählte, die er mit seinem Mitgesellschafter, dem Informatiker Lars Wolff, realisierte, vermittelte dieser den Kontakt zu dem Kirchheimer Bauschuttrecycler Feess.

Walter Feeß hatte 2016 den Deutschen Umweltpreis erhalten für seine konsequente Strategie der Kreislaufwirtschaft, Bauschutt etwa zu Rezyklat aufzubereiten, das dem Beton beigemischt wird, und er gilt bis heute als Pionier der Branche. In der Region Stuttgart betreibt Feess aktuell sechs Wertstoffhöfe und Lagerplätze, in denen der angelieferte Bauschutt oder Erdaushub zu rund 50 hochwertigen RC-Baustoffen aufbereitet wird.

In Stoffstrommanager Eberhard Fritz fand Gerken dort 2022 seinen kongenialen Sparringspartner. Der Geologe führte den Gründer in die Details der Branche ein und fütterte dessen Datenbank mit allerlei Materialien, die sich im Bauschutt befinden, die aus allen Richtungen fotografiert und klassifiziert wurden, damit das Archiv der KI die unterschiedlichen Stoffe zu identifizieren lernt samt deren Beschaffenheit, Körnung, Kantenlänge oder Verschmutzungsgrad.  

Bald darauf wurde die erste Kamera über der Lkw-Waage installiert, die am Eingang zum Wertstoffhof alle Trucks passieren. In Echtzeit werden die Bilder seither auf den Server in Tübingen überspielt und ausgewertet. Parallel macht der Wiegemeister von seinem Prüfstand aus über dem Lkw eine Sichtkontrolle. Seit März 2025 fungiert eine neue Kamera, die noch präzisere Aufnahmen liefert und von einem Scheinwerfer unterstützt wird, um bspw. auch in der Dämmerung präzise Bilder zu liefern.
Gerken: „Wir haben der Bilderkennung zum Beispiel auch beigebracht, wie sich die Optik der Materialien verändert, wenn sie nass sind, die Sonne draufknallt oder der Lkw auf der Waage im Schatten steht.“ Seither ersetzt die Kamera die optische Kontrolle des Wiegemeisters und kategorisiert Körnungen bis zu 0,2 Millimeter. Das hat noch einen Vorteil: Da Feess aktuell sechs Wertstoffhöfe hat, kann die Technik künftig die Sichtprüfung standardisieren. Denn die Erfahrung lehrt: Vor allem unerfahrene und konfliktscheue Prüfer weichen um bis zu 20 Prozent in ihrer Einschätzung voneinander ab.

Optocycle ist zum Jahreswechsel auf 21 Mitarbeiter gewachsen, was eine Verdopplung innerhalb eines Jahres bedeutet. Im Technikteam, das in die drei Sparten Sichten, Auswerten und Bereitstellung der Daten unterteilt ist, arbeiten zwölf Entwickler. Die Kameras, die je aus 328 Einzelteilen bestehen, die teils selbst entwickelt und im 3D-Drucker gefertigt, teils bei regionalen Zulieferern wie Ettinger, Vision Components und Merath zugekauft werden, werden in Tübingen selbst montiert. Bis Ende 2026 erwartet Gerken, dass europaweit mehr als 100 seiner Systeme auf Wertstoffhöfen im Einsatz sind. Diese bleiben im Besitz des Herstellers. Die Nutzer zahlen eine einmalige Installationsgebühr sowie einen monatlichen Betrag für die Nutzung.

Noch vergeben bei Feess Menschen die errechneten Artikelnummern für die einzelnen Chargen. Perspektivisch könnte aber auch dieser Schritt digitalisiert werden. Feess-Mann Fritz, den die Technik in seinen Visionen zur Automatisierung und Präzisierung inspiriert, bringt damit auch Gerken in der Vielfalt seiner Anwendungen weiter. Der Geologe: „Im Idealfall setzen wir die Kameras bereits auf der Abbruch-Baustelle beim Beladen der Lkw ein; die KI sagt dem Fahrer auf Basis seines Ladeguts, wohin er zum Entladen fährt; und erstellt den digitalen Lieferschein.“

Angesichts von 230 Millionen Tonnen mineralischen Bauschutts vom Beton über den Ziegel bis zu Keramik und Fliesen, die allein in Deutschland pro Jahr anfallen, sehen die Gesellschafter von Optocyle einen gigantischen Wachstumsmarkt vor sich. Das entspricht gut der Hälfte des gesamten Entsorgungsvolumens und passt gut in das zirkuläre Trendthema „urban mining“, das Gebäude als Materiallager begreift. Diese Bestände werden schon heute auf digitalen Plattformen wie Madaster oder Concular erfasst und können bei Neubauten via BIM auch deren Materiallisten hinterlegen. Zu diesen Volumina kommen Kies, Sand und Lehm aus Erdaushub hinzu.

Parallel testen Gerken und Wolff, die reichlich staatliche Förder- und Forschungsmittel erhalten haben, bereits eine erste Anwendung bei der Annahme von Biowertstoffen in Aufbereitungsanlagen von Bioabfällen. Mitbewerber sehen die Gründer in diesem Markt der Stoffstromannahme bislang nicht. Die konzentrierten sich bisher alle auf das identifizieren von Störstoffen innerhalb von Sortieranlagen. Eine solche Anwendung realisiert Feess in naher Zukunft auch bei sich in Kirchheim/Teck – mit Optocycle. Denn seit einem Jahr ist hier eine gigantische Sortieranlage in Betrieb, über die künftig idealerweise alle mineralischen Abbruchabfälle, also der klassische Bauschutt, laufen sollen. Fritz: „Sortenreinheit in der Anlieferung ist dann gar nicht mehr das zentrale Thema.“

Zugleich beobachtet der Stoffstrommanager seit zehn Jahren in der Branche eine steigende Sensibilität für das Thema sortenreinen Refraktionierens beim Rückbau, um Kreisläufe zu schließen und Entsorgungskosten massiv zu reduzieren. In der KI-gestützten Kameratechnik seines Dienstleisters sieht er eine Qualitätsverbesserung um 20 Prozent gegenüber dem menschlichen Auge – und eine Kostenersparnis bzw. die Perspektive höherer Erlöse.

Mit Gerken möchte er auch an einer Lösung tüfteln, damit Kameras den „Kippmoment“ abgleichen, also das Abladen, mit dem Erfassen der Ladung zuvor am Eingang, „ob wirklich das drin ist, was wir angenommen haben.“ Das werde die Anlieferer für Sortenreinheit sensibilisieren, weil „der Unterschied massiv ins Geld geht, ob man fürs Entsorgen je Tonne etwas bezahlen muss oder für das Wertstoff-Liefern noch Geld bekommt.“

Quelle: Leonhard Fromm, freier Journalist
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