Mit Qualität wirtschafts- und geopolitischen Bremsspuren entgegensteuern

Will man das Metallschrottrecycling erfolgreich voranbringen, müssen viele Stellschrauben entlang der Wertschöpfungskette optimiert und ein wettbewerbsfreundlicheres Umfeld geschaffen werden, erklärte bvse-Vizepräsident Sebastian Will auf dem bvse-Branchenforum 2018.
Jürgen Nießen, pixelio.de

„Die wirtschaftliche Lage der Schrottbranche hat sich im 2. Halbjahr verlangsamt und ein hohes Maß an Unsicherheit bestimmt das Geschäft“, machte Will auf dem diesjährigen Forum Schrott deutlich. „Schrott ist als weltweite Handelsware abhängig von den Einflüssen globaler wirtschafts- und geopolitischer Entscheidungen.

Die aggressive US-Handelspolitik, zunehmender Protektionismus, Währungsverfall, gestiegene Energiepreise und die chinesische Green Fence Politik sind die Themen, die die sowieso volatilen Schrottmärkte zusätzlich belasten. Hinzu kommt die Regelungswut auf nationaler und europäischer Ebene, die das Tagesgeschäft der Unternehmen mit einer großen und breiten Vielfalt an Aufgaben zusätzlich belastet“, erläuterte Will die derzeitige Situation der Branche.

Eine wichtige Stellschraube, an der die Branche drehen muss, betrifft die weitere Verbesserung der Schrottqualitäten. Darüber waren sich die geladenen Branchenexperten nach der Analyse der derzeitigen Schrottmarktlage einig.

„Der Handelskrieg zwischen den USA und der Türkei hinterlässt bereits erhebliche Spuren. Die Türkei, als weltweit größter Schrottimporteur und mengenmäßig wichtigster Abnehmer für europäische Schrotte, leidet unter den Strafzöllen der US-Regierung. Die türkische Lira hat zudem enorm an Wert verloren, “ erklärte der Senior Reporter von Argus Media, Chi Hin Ling.

Das türkische Schrotteinkaufsverhalten könne sich daher bald ändern und starke Schwankungen des Schrottangebotes im europäischen Markt verursachen. Für die nahe Zukunft sieht der Argus-Analyst den Schrottabsatz gesichert.

Der Leiter Rohstoffbeschaffung des drittgrößten türkischen Elektrostahlwerks Çolakoğlu Metalurji A.Ş., Ahmet Işık Kunt, beklagte ein unzureichendes Angebot an Qualitätsschrott. „Die Türkei wird in diesem Jahr einen Schrottverbrauch von rund 30 Millionen Tonnen haben. Über 70 Prozent davon werden importiert. Da sich die türkischen Stahlwerke verstärkt auf die Produktion von höherwertigen Produkten konzentrieren, steigt der Bedarf an qualitativ höherwertigem Schrott“, so Kunt.

Man beobachte aktuell einen verstärkten Abfluss dieser Schrotte aus den traditionellen türkischen Lieferländern in Richtung indischer Subkontinent. Es sei zudem zu erwarten, dass der Wettbewerb unter den Stahlrohstoffen – Roheisen, DRI und Schrott – intensiviert werde und dabei dem Preis eine noch wichtigere Rolle als bisher zukomme, lautete die Einschätzung Kunts.

Dies bestätigte auch die Redaktionsleiterin von MySteel Global, Hongmei Li. Im Zuge der Green Fence Politik sei der Einsatz von Schrott in den chinesischen Stahlwerken aus Umweltschutzgründen zwar gesteigert worden. Jedoch spiele die Wettbewerbsfähigkeit der Preise nach wie vor eine entscheidende Rolle.

Heute sei es von immenser Bedeutung, dass Stahlwerke und die Schrottwirtschaft Hand in Hand arbeiten, erklärte der Geschäftsführer der SiCon GmbH, Heiner Guschall.

„Derzeit sind die Prozesse noch zu wenig aufeinander abgestimmt. Unterschiedliche Erwartungshaltungen auf beiden Seiten erschweren die gemeinsame Qualitäts-Fokussierung“, bedauerte der SiCon Geschäftsführer. Dabei stelle die Steigerung der Qualität, eine Win-Win-Situation sowohl für den Schrottaufbereiter als auch für den Verbraucher (Stahlwerke, Gießereien) dar, betonte Guschall.

Er zeigte sich davon überzeugt, dass eine Verzahnung der industriellen Aufbereitung mit moderner Informations- und Kommunikationstechnik, der sogenannten Digitalisierung, einen wichtigen Beitrag für die erfolgreiche Umsetzung bei einer Qualitätsoffensive leisten könne. Sie ermögliche u.a. die Verstetigung der Schrottqualität, die letztendlich für den wirtschaftlichen Erfolg der Verbraucher ausschlaggebend sei. Mit bereits verfügbaren, aber oft nicht genutzten technischen Lösungen, könne beispielsweise der Kupfer- oder Zinngehalt reduziert werden und eine effiziente Separation von unerwünschten Verunreinigungen erreicht werden.

Diese Verbesserungen in Richtung Qualität fordert auch Armin Schröder von der GMH Recycling GmbH Osnabrück, der u.a. den Schrotteinkauf für die Gruppe tätigt.

„Fast alle deutschen Stahlwerke haben periodisch wiederkehrende Probleme mit Zinn-Grenzwertüberschreitungen“, erklärte Schröder. Das kritischste Material bei der Schrottanlieferung sei die bunte Mischung an Materialien, vorwiegend aus Gleitlagern, ob als Ganzes, als Stanzabfälle oder als Späne.

In gemeinsamer Anstrengung müssen dringend konsequent Wege genutzt werden, über die konstante Qualitäten transparent erzeugt werden, lautete das Fazit.

Die hierfür erforderlichen Investitionen in die Digitalisierung, die Aufbereitungstechnik und Analytik müssten sich allerdings zwingend in einer entsprechend gerechten Bewertung des angelieferten Materials niederschlagen. Die anwesenden Branchenvertreter machten sehr deutlich, dass qualifizierte Aufbereitung Geld kostet und daher von den Abnehmern entsprechend honoriert werden muss.

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